Silver Ways Projekt: Die Stadt mit anderen Augen sehen

Wir haben das Büro verlassen, um die Stadt durch die Augen älterer Menschen zu erleben. Aber bevor wir dazu kommen, möchten wir einen Schritt zurückgehen und erklären, warum.

Das Silver Ways Projekt zielt darauf ab, die Mobilität älterer Menschen und Personen mit altersbedingten Gesundheitseinschränkungen zu verbessern, indem ein Routenplanungssystem entwickelt wird, das auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. Mithilfe des Silver 15-Minuten-Nachbarschaftsindex wird bewertet, wie gut ältere Menschen wichtige Einrichtungen zu Fuß erreichen können. Das Projekt arbeitet mit Kommunen in drei Städten in Deutschland, Schweden und der Türkei zusammen, um Lösungen zu entwickeln, die ein selbstständiges Leben im Alter unterstützen.

Workshop „Wie fühlt es sich an, als älterer Mensch durch die Stadt zu gehen?“

Um ein Gefühl für das zu bekommen, worum es geht, haben wir mit dem Geriatrischen Zentrum des Universitätsklinikums Heidelberg zusammengearbeitet. Gemeinsam erkundeten wir die körperlichen und sensorischen Herausforderungen, mit denen ältere Menschen im städtischen Raum konfrontiert sind, ausgestattet mit Alterssimulationsanzügen.

Nach einer kurzen Einführung teilten wir uns in Zweiergruppen auf und trugen die Anzüge abwechselnd. Die Person ohne Anzug übernahm die Rolle einer Begleitperson, während die Person im Anzug gebeten wurde, eine Reihe von Aufgaben zu erledigen, die für einen Menschen ohne Mobilitäts- oder Sinneseinschränkungen völlig alltäglich wären. Jeder Anzug fügte dem Körper rund 18 Kilogramm verteiltes Gewicht hinzu, ergänzt durch eine Knieorthese, die die natürliche Bewegung einschränkte, Brillen zur Simulation verschiedener Sehbeeinträchtigungen sowie Kopfhörer, die Schwerhörigkeit nachbildeten. Schon beim Anlegen der einzelnen Elemente spürte man, wie sich die Last Schicht für Schicht aufbaute, noch bevor man den ersten Schritt getan hatte.

Workshop „Wie fühlt es sich an, als älterer Mensch durch die Stadt zu gehen?"

Allein das Verlassen des Raumes fühlte sich wie eine Herausforderung an. Ein Gespräch zu verfolgen war nahezu unmöglich, es sei denn, das Gegenüber stand direkt vor einem und sprach langsam und deutlich. Die größte Hürde für fast alle war jedoch das Treppensteigen. Einige wählten auf dem Rückweg lieber den Aufzug. Menschen, die im Alltag fit und körperlich aktiv sind, kamen nach gerade einmal 100 Metern außer Atem.

Zurück im Besprechungsraum nahmen wir uns Zeit, unsere Erlebnisse zu schildern und darüber nachzudenken, wie die Simulation unsere Wahrnehmung des städtischen Raums verändert hatte.

„Es ist unglaublich, wie schnell man sich isoliert fühlt. Sobald man nicht mehr gut hört oder sieht, beginnt die Außenwelt zu verblassen und man ist ganz allein mit sich selbst,“ sagt eine der Teilnehmenden.

Wir waren uns alle einig, dass unsere Städte in ihrer jetzigen Form weitgehend auf jüngere Menschen ohne Mobilitäts- oder Sinnesbeeinträchtigungen ausgerichtet sind. Genau diese Lücke ist es, die das Silver Ways Projekt adressieren möchte.

Pilot Urban Living Lab Workshop in Heidelberg

Zu simulieren, wie es sich anfühlt zu altern, ist eine Sache. Eine Nachbarschaft zu begehen und sie durch diese Linse zu bewerten, ist eine andere. Einige Wochen später organisierten wir einen Pilot Urban Living Lab Workshop in Heidelberg, einen strukturierten Stadtrundgang, bei dem die alltägliche gebaute Umwelt aus der Perspektive älterer Menschen beobachtet und bewertet wurde. Eine kleine Gruppe von Teilnehmenden machte sich auf eine kurze Route und achtete dabei auf Details, die man leicht übersieht, wenn man sich ohne Einschränkungen durch den Raum bewegt.

Die Gruppe bewertete unterwegs eine Reihe von Indikatoren. Dazu gehörten der Zustand und die Breite der Gehwege, die Qualität der Bodenbeläge, die Verfügbarkeit und der Abstand von Sitzbänken, das Vorhandensein von Bäumen und Grünflächen sowie die Sonneneinstrahlung. Jedes Element wurde beobachtet, besprochen und anschließend von der Gruppe gewichtet.

„Man hört auf, die Straße als selbstverständliche Kulisse wahrzunehmen, und beginnt, sie als eine Reihe von Entscheidungen zu sehen, die die Stadt bereits für einen getroffen hat, und nicht immer zu einem selbst,“ bemerkte eine teilnehmende Person nach dem Rundgang.

Ähnliche Spaziergänge wurden parallel in allen Silver Ways Partnerstädten durchgeführt, jeweils angepasst an den lokalen Kontext und die jeweiligen Gegebenheiten. Anstatt ein einheitliches Rahmenwerk anzuwenden, ließ der Pilotversuch bewusst Raum für Unterschiede zwischen den Städten, um genau daraus zu lernen. Auf Grundlage der drei Pilotversionen wird das Projekt den jeweils geeignetsten Ansatz für jede Stadt entwickeln und so eine gemeinsame Methodik aufbauen, die lokal verankert ist und für die Co-Design-Arbeit mit den Kommunen bereit ist.

Pilot Urban Living Lab Workshop in Heidelberg

Die gewonnenen Erkenntnisse werden direkt in die Planung der Stadtrundgänge mit älteren Bewohnerinnen und Bewohnern im September einfließen. Entscheidend dabei ist, dass die Routen auf Reisetagebüchern basieren, die seit letztem Sommer gemeinsam mit älteren Menschen aus verschiedenen Stadtteilen in Mannheim und den Partnerstädten erstellt wurden. Die Teilnehmenden werden also die Wege bewerten, die sie tatsächlich nutzen. Ihre Beobachtungen und Rückmeldungen fließen in ein Routenplanungssystem ein, das speziell für ältere Menschen entwickelt wurde. Dieses System wird durch genau solche Urban Living Lab Spaziergänge validiert und weiterentwickelt und schließt damit die Verbindung zwischen gelebter Erfahrung und technischem Design.

Beide Workshops haben einmal mehr gezeigt, dass sich Verstehen, wie ältere Menschen sich durch eine Stadt bewegen, nicht allein auf Forschung reduzieren lässt. Es braucht Entschleunigung, Aufmerksamkeit und manchmal eben auch das Gehen in den Schuhen eines anderen.